Schlagzeilen mit Prominenten wie Ottfried Fischer oder Christian Wulff beherrschen immer wieder die Titelseiten. Doch selten gelingt der Blick hinter die Kulissen eines Skandals. „Seite Eins“, die urkomische und bitter-böse Mediensatire von Johannes Kram, erzählt die „Story hinter der Story“ aus der Sicht eines Reporters. Das Publikum ist live dabei, wenn die junge Sängerin Lea versucht, sich den verhängnisvollen Gesetzen des Boulevards zu widersetzen. Gerade mit dem Ehrenpreis des Deutschen Comedypreises ausgezeichnet, wird Ingolf Lück als Schauspieler und „leidenschaftlicher Theatermann“ gefeiert, der die Rolle des zwiespältigen Journalisten Marco „mit feinem Gespür für wechselnde Stimmungen zum Leben erweckt“ (Westfalen-Blatt).

„Seite Eins“ hat Diskussionen über das Wirken von Medien ausgelöst. Das NDR-Magazin „Zapp“ fragte: „Mit welchen Methoden arbeiten die Journalisten, die (…) für beispielsweise die „Bild“ arbeiten?“ und Medienanwalt Ralf Höcker, der u.a. Heidi Klum, Felix Magath und Jörg Kachelmann presserechtlich vertritt, erklärte: „Vieles in dem Stück wirkt so unglaublich, dass man es für übertrieben halten könnte. Doch im Prinzip habe ich all das in der Realität schon genau so erlebt.“

Das Stück

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Stück für einen Mann und ein Smartphone | Von Johannes Kram | Uraufführung: 5. September 2014, Theater Gütersloh |

Marco ist Boulevardjournalist und somit ständig auf der Suche nach einer gut verkäuflichen Geschichte. Auf einer Preisverleihung lernt er Lea kennen, eine junge Sängerin, die gerade ihre erste CD herausgebracht hat. Marco bietet ihr an, über sie zu schreiben. Lea sind Boulevardmedien suspekt, doch Marco verspricht ihr den großen Karrieresprung. Damit es für „Seite Eins“ reicht, bedarf es allerdings noch einiger möglichst brisanter Details aus dem Privatleben. Lea wehrt sich. Als die Titelstory schließlich trotzdem herauskommt, hat jedoch nicht nur sie ein Problem.
Foto: Volker Zimmermann
Autor Johannes Kram, selbst Medienprofi, hat mit „Seite Eins“ ein höchst aktuelles Thema aufgegriffen: Die Möglichkeiten, durch Massenmedien und Internet in kurzer Zeit berühmt zu werden, sind heute so groß wie nie zuvor. Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen. Marco ist ein eloquenter, trickreicher Profiteur dieser Zeit, ein Zocker, der mit hohen Einsätzen spielt und ein selbsternannter Meinungsmacher, der sich mit seinem Smartphone genug zu sein scheint.
Foto: Volker Zimmermann

Das Team

lueck_seite1_johannes-kramJohannes Kram ist Autor, Blogger und Marketingstratege. Mit Macht und Perspektiven der Medien beschäftigt er sich von unterschiedlichen Gesichtspunkten. Er war Co-Herausgeber des Medien-Thinktanks vocer.org und Initiator des „Waldschlösschen-Appells“ gegen Homophobie in den Medien. Seine Medienarbeit rund um den Eurovisions-Auftritt von Guildo Horn 1998 wurde als eine der besten PR-Kampagnen der 90er bezeichnet.

Kram hat als Texter, Veranstalter und Produzent vielfältige Musikprojekte realisiert. Als Bühnenautor versucht er, gesellschaftlich relevante Geschichten zu erzählen und dabei die Möglichkeiten völlig unterschiedlichster Formate auszuloten. So wirkt seine Boulevard-Komödie „Homestory“ fast wie ein formales Gegenstück zum Bühnenmonolog von „Seite Eins“. Zurzeit entwickelt er mit dem Berliner Theaterverlag Gallissas diverse Musiktheaterstücke, darunter „Khao San Road“ (Rock & Pop) und „Weiße Rosen aus Versehn“ (Schlager) mit dem Komponisten Florian Ludewig sowie eine Musical-Adaption von „Kohlhiesels Töchter“ mit Hans Dieter Schreeb und Achim Gieseler. Als Autorenteam schreiben Ludewig und Kram Songs für unterschiedliche Künstler.

lueck_seite1_christian-schaeferChristian Schäfer, geboren 1975 in Müllheim/Baden, ist seit 2013 Künstlerischer Leiter am Theater Gütersloh. Von 2007 bis 2013 war er Intendant am Zimmertheater Tübingen. Zu den bislang etwa 30 Inszenierungen von Christian Schäfer zählen zahlreiche Uraufführungen sowie deutsche und österreichische Erstaufführungen, darunter auch zwei seiner eigenen Stücke; „Fear Factory“ und „Paradise Lost“, die er in Augsburg realisierte. Mehrfach inszenierte er darüber hinaus für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Einige seiner Arbeiten erhielten Festivaleinladungen, u.a. zum „Open Ohr Festival“ Mainz und zum „Heidelberger Stückemarkt“.

Foto: Volker Zimmermann

Die Realität ist übertrieben genug

Ralf Höcker über „Seite Eins“ und die Graubereiche des Mediengeschäftes

Johannes Kram schildert in seinem Stück „Seite Eins“ die Arbeitsweise eines Boulevard-Journalisten, der für eine Tageszeitung über die Sängerin Lea Seeberg und ihre Beziehung zu einem jungen Mann schreibt. Es ist offensichtlich, welche reale deutsche Tageszeitung dem Autor als Vorbild für sein fiktives Blatt gedient hat. Doch man sollte das Stück nicht als eine Auseinandersetzung allein mit den Methoden der BILD-Zeitung missverstehen. Die Mechanismen, die Kram dokumentiert, sind typisch für die gesamte Boulevard-Presse einschließlich der sogenannten „People-Magazine“. Der Begriff „dokumentieren“ ist dabei bewusst gewählt. Wer das Stück sieht, mag annehmen, dass es die Wirklichkeit in übersteigerter Form wiedergibt. Doch so ist es nicht. „Seite Eins“ muss gar nicht übertreiben. Die Realität ist übertrieben genug. Man denke an Ottfried Fischer, der angab, nur deshalb mit einer Tageszeitung „kooperiert“ zu haben, weil diese ihn mit der drohenden Veröffentlichung kompromittierender Bilder unter Druck gesetzt habe. Beweisen ließ sich dieser Vorwurf nicht, doch Künstlermanager und Medienanwälte wissen, dass derlei „Deals“ im strafrechtlichen Dunkelgraubereich jeden Tag stattfinden. Kram beschreibt sehr präzise wie sie in der Praxis ausgehandelt werden. Keineswegs unrealistisch ist es auch, dass Reporter Marco seine Protagonistin mit Zuckerbrot und Peitsche dazu bringt, eine frei erfundene „Realität“ als tatsächlich erlebt zu beschreiben. Nichts anderes geschah, als die „BUNTE“ eine Zeugin im Kachelmann-Verfahren dafür bezahlte, dass sie ihre polizeiliche Aussage im Exklusiv-Interview nachträglich massiv verschärfte. Auch Ex-Bundespräsident Wulff weiß heute, dass eine „Medienpartnerschaft“ alles ist, nur keine Partnerschaft. Krams Stück lehrt uns, dass es zwischen Journalisten und ihren Berichterstattungsobjekten keine Freundschaft geben kann, sondern allenfalls Zweck bündnisse auf Zeit, in denen jede Seite immer das eigene Interesse im Blick hat. „Seite Eins“ zeigt auch, was in juristischer Hinsicht geschieht, wenn Menschen daran mitwirken, auf einer Titelseite zu landen: Wer sich selbst öffnet, verliert seine Privatsphäre. Er macht sich selbst zur Person der Zeitgeschichte, deren Privatheitsanspruch mit jedem Interview und jeder Homestory weiter schwindet. Die phrasenhaften Versprechen der Journalisten, dass man „alles vorher lesen“ könne, wenn man ein bisschen aus seinem Privatleben erzähle und dass die Darstellung durchgehend positiv sein werde, helfen dem Porträtierten gar nichts und zwar selbst dann nicht, wenn sie stimmen sollten. Denn es gilt der vielzitierte Döpfner-Satz „Wer mit der BILD-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“

Foto: Volker Zimmermann

Prof. Ralf Höcker kämpft als Medienanwalt um die Persönlichkeitsrechte von Menschen, die Opfer von unrechtmäßiger Berichterstattung geworden sind. Zu seinen Mandanten gehören etwa Heidi Klum und Jörg Kachelmann, den er in dessen Strafverfahren presserechtlich vertrat.

Dieser Text ist Teil eines Dossiers, das im Medien-Debattenportal VOCER.ORG erscheint. Dort wurde „Seite Eins“ zum Anlass genommen, unterschiedliche Aspekte rund um den Komplex Macht/Medien/ Politik aus medienwissenschaftlicher, politischer, juristischer, und konkret praktischer Sicht zu beleuchten.

Foto: Volker Zimmermann

Pressestimmen

Ingolf Lück brilliert am Theater Gütersloh in der Rolle des Boulevarjounalisten Marco.

„Mit stehenden Ovationen ist im ausverkauften Theater Gütersloh die Uraufführung von Johannes Krams gleichnamigem Stück „für einen Mann und ein Smartphone“ gefeiert worden. Lautstarke Anerkennung für Ingolf Lück, der sich mit seiner beachtlichen schauspielerischen Leistung aus der Schublade der seichten TV-Plaudertausche und des frechen Comedians katapultierte. Applaus aber auch für Theaterchef Christian Schäfer, der dieses Kammerspiel – nicht zuletzt aus Kostengründen mit nichts als dem Eisernen Vorhang dekoriert – mutig in den großen Saal packte und damit selbstbewusst zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren wieder eine Gütersloher Eigenproduktion (auch für den Export) präsentierte. Man muss nur wollen und Ideen haben.“
Die Glocke | Doris Pieper | 09.09.2014

„Nicht zuletzt hält der zwiespältige Charakter, den der gebürtige Bielefelder und leidenschaftliche Theatermann Lück überaus einfühlsam und mit feinem Gespür für wechselnde Stimmungen zum Leben erweckt, der Bevölkerung auch ihre eigene Verantwortung für die Machenschaften und Auswüchse des Boulevardjournalismus vor.“
Westsfalen Blatt | Barbara Brunnert | 08.09.2014

„Ohne den Neid und den Voyeurismus der Massen könnte der Boulevard nicht funktionieren, wie er ist, erklärt Marco. „Ich bin beeindruckt. Sie sind echt was Besseres.“, verbeugt er sich sarkastisch vor dem Publikum als Vertreter der anonymen Masse. Das dankt mit „Standing Ovations“ für eine unterhaltsame Aufklärung in Sachen Boulevard.“
Neue Westfälische | Heike Sommerkamp | 08.09.2014

Produktionsinfos

  • Von Johannes Kram
  • Eine Produktion des Theater Gütersloh. Spielzeit 2014/2015
  • Regie / künstlerische Leitung / Redaktion Christian Schäfer
  • Künstlerische Leitung Karin Sporer
  • Regieassistenz / Redaktion Josefine Willig
  • Video Bauherr Medientechnik
  • Technik Florian Schimsky
  • Technische Leitung Bernhard Brinkert, Daniel Frieling
  • Fotos Volker Zimmermann
  • Marco Ingolf Lück
  • Aufführungsdauer 1 Std 40 Min – eine Pause
  • Premiere 05.09.2014, Theater Gütersloh
  • Bühnenrechte beim Autor

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