Braunschweiger Zeitung, 03.12.2003

lm Graffiti-Interview spricht der Comedystar über nackte Musiker, grünen Tee und humorlose Psychoanalytiker aus Österreich. Angriffslustig, schlagfertig, ein klein wenig frivol – Ingolf Lück (45) ist ein Lausbube. Seit fast 20 Jahren treibt er im Fernsehen seine Späße. Das ist eine Ewigkeit im Genre Comedy, wo mancher schon nach einer Show absäuft. Lücks Hits waren Formel Eins (ARD) und Die Wochenshow (SAT.1). Zurzeit ist er mit Das Büro auf ProSieben zu sehen. Mit Stefan Boysen sprach er im Graffiti-Interview über nackte Musiker, grünen Tee und humorlose Psychoanalytiker aus Österreich.

Viele Menschen sehnen sich in die 80er zurück, Wieso lassen Sie nicht Formel Eins aufleben und werden dadurch reich und sexy?

Ich war damals doch schon sexy. Ich hatte knallenge Lederhosen an mit ganz lustigen Knöpfen… Die Idee gab es tatsächlich vor einem Jahr. Aber ich will die schöne Erinnerung an früher nicht dadurch eintrüben, dass wir Formel Eins aufwärmen. Nun muss ich andere Strategien entwickeln, um wieder sexy zu werden. Und vielleicht reich…

Apropos Sex, Gab es auch in den 80ern schon Musiker, die sich für ihre Videos ausgezogen haben?Es gab Madonna, die damals mit „Like a Virgin“ groß herauskam – und die war ganz schön entkleidet.

Welcher Star war zu Ihnen richtig böse?

Hm, böse, da fällt mir gar keiner ein… Natürlich war Modern Talking richtig böse. Bohlen und Anders haben gesagt: „Du, wir stehen jetzt auf, wenn du noch einmal eine so blöde Frage stellst.“ Dann habe ich gesagt: „Dann steht doch auf, wir werden das dann senden.“ Das war damals mein Versuch, Bohlens und Anders‘ Karriere zu verhindern. Leider ist mir das nicht gelungen – den Schuh muss ich mir anziehen.

Und welcher Musiker war ausgesprochen lieb?

Großartig waren Begegnungen mit Freddy Mercury, Stevie Wonder, Bon Jovi. Wer mich sehr beeindruckt hat, auch menschlich, war Falco.Wie gefallen ihnen denn die heutigen Musikvideos?

Schauen Sie ganz gern mal bei Viva und MTV rein?

Nö, ich gucke mir keine Videos an. Ich schaue mir auf MTV Jackass an, das finde ich ganz großartig. Das hat etwas Kathartisches, Befreiendes. Ich habe Viva und MTV auf meiner Fernbedienung auf Platz 16 und 17 gespeichert – und Arte auf 4. Das ist meinem Alter angemessener.Seit 1984 sehen wir Sie im Fernsehen.

Spüren Sie Verschleiß, oder sind Sie ein fitter und vitaler Ingolf wie am ersten Tag?

An der Fitness kann man arbeiten: Ich rauche nicht, trinke seit vielen Jahren nur grünen Tee, mache ganz viel Sport, stehe früh auf. Abnutzungserscheinungen können auftreten, wenn man sieben Jahre durcharbeitet und 250 Wochenshow-Sendungen macht. Deswegen habe ich nach Ende der Wochenshow ein Jahr Drehpause eingelegt und Theater gespielt, zudem in Berlin ein Stück inszeniert. Wenn ich so was mache, kriegt der Affe Zucker.Sie bringen die Leute immer wieder zum Lachen.

Schaffen Sie das auch mit Menschen, die keinen Humor haben?

Eine schwierige Frage. Selbst Freud hat ja über den Humor geschrieben – übrigens nicht besonders witzig. Ich glaube, man kann jeden irgendwie knacken, jeden locken, die Zähne auseinander zu kriegen.Welche Show haben Sie am liebsten gemacht?Das kann ich nicht sagen. Schön ist es immer, mit Gleichgesinnten ein Projekt zu veranstalten. Unsere Hoffnung, entsprungen der alternativen Theaterszene Ende der 70er, hat sich erfüllt: nämlich mit Leuten zusammen etwas auf die Beine zu stellen und davon leben zu können. Zumindest bisher.

Sie sind jetzt 45 Jahre alt, müssen Sie nicht bald zu den Öffentlich-Rechtlichen zurückkehren, wenn Sie noch weiter Fernsehen machen wollen?

Comedy ist nicht abhängig vom Alter, sonst hätten nicht so viele über Heinz Erhardt und Peter Frankenfeld gelacht. Wir sind mit Das Büro angetreten, um auch die älteren Zuschauer an ProSieben zu binden. Der Sender hat gute Marktanteile bei den 14- bis 29-Jährigen. Darüber hinaus hat ProSieben Nachholbedarf. Deswegen gibt es das Büro für Menschen, die schon einmal in einem Büro gearbeitet haben. Übrigens: Wenn die Öffentlich-Rechtlichen Platz für Comedy schaffen und gute Sachen nicht in der Nacht laufen lassen würden, dann könnte man auch da Comedy machen.

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