Stern TV-Magazin, 11. August 1988

Als Tingeltangel-Künstler auf der Straße hat er angefangen. Als Moderator der Formel Eins-Hitparade wurde er bekannt. Die einen fanden ihn genial, die anderen unerträglich. Was einen wie Ingolf Lück nicht beirren kann. Ob als Musiker, Sprücheklopfer, Ansager oder Schauspieler, ob auf der Bühne oder im Fernsehen: Ingolf Lück versucht, intelligente Unterhaltung zu machen, und dabei probiert er manches aus. Antje Brunnabend besuchte das unruhige Multitalent in Köln. Von seiner Dachkammerwohnung hat er den Fernsehturm immer im Blick: „Wie ein Pfarrer seine Kirche!“

Mit Wucht schlägt ein Mann auf eine Wassermelone ein. Er testet Schlagstöcke, aus der Weimarer Zeit und den sechziger Jahren. Die Knüppel zersplittern, die Melone bleibt unversehrt. „Das Ende der Weimarer Republik“, kommentiert der Tester, und: „Kein Wunder, dass die Terroristen aufkamen.“ Dann greift er zu einem modernen Exemplar, schwarz glänzend, biegsam und stark. Die Melone zerplatzt und spritzt bis zur Zimmerdecke. Der Mann ist fasziniert. Wieder und wieder drischt er auf die Melone ein, wie im Wahn, mit hochrotem Gesicht. Bis die Ehefrau ins Zimmer stürmt: „Hör auf, Mensch, das Fernsehen ist doch hier, du wirst gefilmt!…“ Das Fernsehen war zwar da, doch der Test ist nie gesendet worden. „Er war ein bisschen zu hart“, sagt Ingolf Lück. Geplant war er für „Lücks Zeitlupe“, eine halbstündige Show des ehemaligen „Formel Eins“-Moderators, die Anfang des Jahres im Westdeutschen Fernsehen lief. Mehr als sechs Folgen wurden nicht produziert. Der Humor war nicht jedermanns Geschmack: Zweimal pro Sendung wurden „Tester für einen Tag“ vorgeführt, angeblich Zuschauer, in Wirklichkeit Schauspieler und Freunde Ingolf Lücks, die gekonnt laienhaft in häuslicher Atmosphäre Trimmgeräte, Pralinen oder Schlagstöcke ausprobierten – häufig mit katastrophalem Ausgang. In seinem Testlabor im Studio prüfte Ingolf Lück außerdem Teddybären, die in ein Gemisch aus Grießbrei und Kinderspucke getaucht wurden, und Pantoffeln: ihr Schlupf- und Schweißabsorptionsverhalten oder wie gut man damit nach einem Dackel schmeißen kann. „Es gab eigentlich keinen, der gesagt hat, das war so einigermaßen in Ordnung“, erinnert sich Ingolf Lück und lacht laut auf. „Alle haben gesagt: ‚Das war nix!'“ Was einer wie er schon fast wieder gut findet, denn das beweist: Die Sendung war ziemlich kompromisslos.

Zu Hause in seiner Kölner Wohngemeinschaft lümmelt sich Ingolf Lück auf dem Boden vorm Video und führt Kassetten mit seinen alten Produktionen vor. Er wohnt unterm Dach, in einem nachlässig eingerichteten Chaos, mit Grill auf der wunderschönen Dachterrasse und Blick auf den Fernsehturm. Um ihn herum verstreut Bücher, Manuskripte und Spielzeug. In der Ecke ein sperrmüllreifer Plattenspieler und verstaubte Hans-Albers-Platten, hingeworfene Klamotten und Kostüme, unter denen sich irgendwo Ingolfs Kater Horst versteckt. Gegen den ist Ingolf Lück so allergisch, dass er morgens mit kleinen verschwollenen Augen aufwacht, wenn sich Horst mal wieder nachts zu ihm ins Bett geschlichen hat, aber weggeben will er ihn auch nicht: „Ich hab‘ ihn doch gern!“ sagt er, fast entrüstet ob einer solchen Überlegung, und springt auf und schiebt eine neue Kassette ein.
Einige seiner Sketche kann sich der schlaksige Alternativ-Tüvler immer wieder ansehen, der Schlagstocktest zum Beispiel begeistert ihn heute noch. Doch alles in allem war er mit der Show nicht zufrieden. Vieles würde er heute anders machen, aber: „Unterhaltung muss immer eine Nach-vorn-Unterhaltung sein, also aggressiv. “ Zu aggressiv fürs Fernsehen?
„Ingolf Lück ist einer, bei dem man nicht weiß, ob man sich wünschen sollte, dass er fürs Fernsehen gezähmt wird“, urteilt Jörn Klamroth, Unterhaltungsredakteur beim WDR. „Er hat so eine liebenswürdige Anarchie. Er wirbt nicht um die Zuschauer, was auch eine Qualität ist. Aber viele Leute enttäuscht er damit. Ob er für ein Massenpublikum geeignet ist, ob das überhaupt gut für ihn ist und ob er das wirklich will … “ Er lässt die Frage offen.“ Aber er ist ein ganz großes Talent. „

Das ganz große Talent wurde an einem Dienstag in Bielefeld geboren, vor wie viel Jahren, verrät er nicht. Weil er sonst in irgendwelche Schubladen gesteckt würde, behauptet Ingolf Lück, der sich plötzlich ziert wie Bette Davis. Sei ja schließlich egal, wie alt einer ist, da gebe es Fünfzehnjährige, die seien im Kopf schon wie vierzig. Er jedenfalls habe mit 26 aufgehört zu zählen. Würde ihm ja eh keiner glauben, dass er über dreißig ist, sagt er frech.

In einem Satellitenvorort wuchs er auf, einem Viertel mit Aussiedlern und Arbeitslosen, als einer der wenigen, die aufs Gymnasium gingen. Dort war er keine Leuchte, und als die besorgten Lehrer bei den Eltern anfragten, ob der Junge denn nicht wenigstens irgendwelche Hobbys habe, wussten die nur: Er sieht andauernd fern.

Onkel Karl-Heinz brachte ihm Gitarrespielen bei, Ingolf zog sich ein hübsches Hemd an, und gemeinsam traten sie bei Taubenzüchtervereinen, Sparkassenfesten und in Altenheimen auf: Ingolfs erstes selbstverdientes Geld. Und wenn gegen Mitternacht die Gäste angeheitert waren, spielten Onkel Karl-Heinz und Ingolf ihre Musik, und das war Swing. Mit dem Showgeschäft hatte Ingolf sonst nichts im Sinn. Vielmehr engagierte er sich in einem selbstverwalteten Jugendzentrum und wollte Sozialarbeiter werden oder so etwas ähnliches. Bis er mit zwanzig bei einer Theateraufführung an der Schule Regie führte. Von da an war ihm klar: Er wollte Theater machen.

Die Gruppe blieb nach dem Abitur zusammen, und Ingolf Lück erprobte in Bielefeld alle Möglichkeiten der alternativen Theaterkultur. Er spielte beim Frapp-Theater, er gründete die Zick-Zack-Theaterbande, einen Kinderzirkus, und er musizierte beim Kurpark-Kollektiv, einer Swing-Band, die, natürlich, in Kurparks auftrat. Schließlich landete er beim „Totalen Theater“, einem Rocktheater, ähnlich der „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“: „Nur hatten die ’nen Achttonner mit Hebebühne, das war das Ding, und wir hatten nur ’nen kleinen Bulli.“ Man spielte auf Straßen, bei Karstadt und auf richtigen Bühnen. Mit den Jahren lernte Ingolf Lück Feuerschlucken, Einradfahren, auf Scherben laufen, Jonglieren, Zaubern und Akkordeon spielen -‚“Tingeltangel“, der ihm heute bei seinen Sketchen zugute kommt.

Als „Kind der alternativen Theaterbewegung“ hat sich Ingolf Lück immer bezeichnet. Dazu gehört die WG, dazu gehört, dass er gern in einer Gruppe arbeitet und, wo immer möglich, seine Freunde in die Produktion einbindet. Dazu gehört auch, dass er sich nicht verändert hat, wie er glaubhaft versichert, nicht überheblich oder arrogant geworden ist, und – gibt’s so was noch im Showbusiness? – sich von Geld nicht allzu sehr beeindrucken lässt. Auch dann nicht,‘ als er durch die „Formel Eins“ jäh bekannt wurde, was niemanden mehr verblüfft hat als ihn selbst.

Es geht die Mär, dass er die „Formel Eins“-Macher schon bei den ersten Probeaufnahmen zum Lachen brachte, was noch keinem vorher gelungen war: Jedenfalls wurde Ingolf Lück sofort als Moderator der Hitparade engagiert. Wenn er sich dann zwischen den Videoclips über Popgrößen wie Billy Idol oder Thomas Anders von „Modern Talking“ lustig machte, war Ingolf Lück hinreißend, unwiderstehlich. Seine flippige Art und die frechen Sprüche kamen bei den Kids an.

Nicht bei allen, natürlich. „Ingolf Lück ist einer, der die Zuschauer polarisiert“, sagt Jörn Klamroth, „einer, zu dem man sich bekennen muss. “ Anders als bei seinen Nachfolgern Stefanie Tücking und Kai Böcking, die man ganz nett findet, die einem so furchtbar viel aber auch nicht bedeuten, spalteten sich bei Ingolf Lück die Lager. Viele der jugendlichen Zuschauer beschwerten sich über sein „blödes Gequatsche“ oder fühlten sich veralbert.“ Bei dir wird man ja meistens verarscht“, schrieben sie ihm in krakeliger Kinderschrift, und „verarschen können wir uns alleine.“ Ganz schlimm fanden sie es, als der respektlose Ansager Superstar George Michael parodierte, das Idol der unter 16jährigen – eine Unverschämtheit: „Vor allen Dingen, so ein kotzhässlicher Kerl, wie du bist!“

Nach einem Jahr hatte Ingolf Lück genug. Er wollte zurück ans Theater, zurück zu einem richtigen Publikum. Im Fernsehen ist er seitdem nur sporadisch aufgetreten, etwa bei „Extratour“ oder der Bundesfilmpreis-Verleihung. Zurzeit spielt er am Bonner Schauspiel in „Clockwork Orange“. Außerdem tourt er mit dem Kabarettstück „Gorbatschow muss sterben“ durchs Land.

Wer Ingolf Lück von seinen vielen Ulkauftritten kennt, meint leicht: Der kann nur eins, der kann nur sich selbst spielen, zapplig, flapsig und überdreht. „Das ist eben die Gefahr, wenn sich einer dauernd selbst inszeniert“, sagt der Regisseur Adolf Winkelmann. Der Lück kann auch anders, der kann das Zappeln sein lassen. In Winkelmanns Spielfilm „Peng! Du bist tot!“, den die ARD am 31. August ausstrahlt, landen Ingolf Lück und Rebecca Pauly nach diversen Kabbeleien eher unfreiwillig zusammen in einem öden Hotelzimmer.“ Wie die beiden diese Situation bewältigen“, sagt Winkelmann, „diese feine Peinlichkeit – also, wer das spielen kann, hat für mich die Prüfung bestanden. „

Dabei hat Ingolf Lück im Leben keine Schauspielschule besucht. Beworben hat er sich oft, genommen wurde er nie – zu Recht, wie er heute einräumt, denn an einem kleinen Provinztheater Nebenrollen spielen, das hätte er nie gekonnt. Dafür braucht ein Ingolf Lück zuviel Beifall, dafür ist er zu eitel, oder, wie er sagt, mag sich selbst einfach ziemlich gern leiden. Unauffällig im Hintergrund wirken ist Ingolf Lücks Sache nicht.

Er nimmt sich schon wichtig: Beim Fototermin hampelt er vorm Spiegel herum, streicht sich wieder und wieder die Haare zurück, fragt zum zehnten Mal „Wie seh‘ ich aus?“ und schimpft vor sich hin, als er mitleidig-beschwichtigende Antworten kriegt. Dass die Ahnungslosen um ihn herum auch nicht verstehen können, wie wichtig die Frisur ist, jedenfalls für eine öffentliche Person wie Ingolf Lück!

Denn seltsamerweise scheint es da einen Unterschied zwischen dem Menschen Ingolf und seinem Image zu geben. Der Mensch Ingolf Lück, so behauptet Ingolf Lück, schert sich einen Teufel um Äußerlichkeiten. Der läuft zu Hause in Trainingshosen herum, und wie die Bude aussieht, ist ihm egal. Auf der Bühne aber muss alles stimmen. Und auch wenn er ausgeht, stylt sich Ingolf Lück mit großer Sorgfalt imagepflegend. Was dann unungefähr so aussieht: Lederhose mit liebevoll aufgenähten Flicken, T-Shirt mit riesengroß ausgeschnittenen Armlöchern, abgestoßene Jeansjacke und die Haare mit Gel nach hinten geklatscht. Gehe er anders aus, in Trainingshosen und die Haare platt in die Stirn gekämmt, erkenne ihn kein Mensch, schwört Ingolf Lück. Aber so herausgeputzt, hauen ihn abends bei „Woody’s“ in der Kölner Innenstadt gleich ein paar Leute an, und Ingolf verteilt gutgelaunt Autogramme und freut sich, wie er sich überhaupt immer freut, wenn ihn jemand erkennt.

„Wenn ich irgendwann mal ein richtiger bekannter Showmaster wäre, hätte ich nichts dagegen“, sagt er. Wobei ihm ein Rudi Carrell oder Peter Frankenfeld oder ein Kulenkampff mit seiner Theatererfahrung näher stehen als ein Frank Elstner. „Man hat ja immer so Träume“, erklärt Ingolf Lück, der ewig 26jährige, halb im Ernst. Erst war das: einmal auf der Bühne stehen. Dann ein eigenes Stück machen. Dann das eigene Gesicht riesengroß auf der Leinwand sehen. Dann die eigene Wochenschau: „So geht das eben immer so weiter.“
Einer der kleineren Träume ist übrigens: einmal eine Woche lang bei den Leuten auf der Anrichte liegen, als Konterfei auf dem Titel der TV-Beilage. Und damit ist Ingolf Lück schon wieder einen Schritt vorwärts gekommen.

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