Süddeutsche Zeitung, 18.10.2002

Nach sechs Jahren Theaterpause erklärt Ingolf Lück in Caveman das archaische Verhältnis zwischen den Geschlechtern

Den Kampf der Geschlechter durchlebt ab dem heutigen Freitag Ingolf Lück, 44, im Gloria-Theater in Köln. Der Wochenshow-Anchorman und gebürtige Bielefelder spielt das Solostück Caveman des US-Autors Rob Becker. Regie führt Esther Schweins. Lück ist Tom, den seine Freundin vor die Tür gesetzt hat und der dort über das Verhältnis von Männern und Frauen sinniert. Claudia Fromme sprach für die Süddeutsche Zeitung mit ihm über Frauen, Männer und Bielefeld.

SZ: Was läuft’s bei der Arminia, Herr Lück?

Lück: Ganz gut. Endlich wieder 1. Bundesliga, leider 12. Platz. Wir müssen da noch einiges tun, um hochzukommen.

SZ: Fußballproll Ansgar Brinkmann, der zu Spielen schon mal aus der Kneipe geholt werden muss und sich prügelt, dürfte dem Caveman ganz gut gefallen.

Lück: Klar, Brinkmann ist der letzte Cowboy der Bundesliga. Der ist rücksichtslos, nicht nur auf dem Platz. Außerdem entwickelt der im gegnerischen Strafraum eine dreiste Genialität. Mit elegantem Fußball hat das nichts zu tun. Er ist ein Handwerker. Ein Klotz. Ein Mann. Dieser Spieler imponiert mir, der hat so etwas Archaisches.

SZ: Wie viel Höhlenmensch steckt denn noch in den übrigen Männern?

Lück: Das erste Wort in Caveman ist „Scheißkerl“, das letzte auch. Dazwischen liegen drei Millionen Jahre Evolution. Männer waren immer Jäger, Frauen immer Sammler. Wenn Männer heute schnelle Autos fahren und Frauen einen Schuhtick haben, ist das nichts anderes.

SZ: Wie viel Caveman steckt in Lück?

Lück: Es gibt sicher eine gewisse Affinität zu der Figur, aber er ist sicher nicht Lück. Das wäre ja langweilig.

SZ: Sie haben das Hörbuch „Was Männer wirklich antörnt“ gesprochen, Paar-Therapeuten empfehlen den Besuch von Caveman. Sind sie nun Frauenversteher?

Lück: Nein, Männerverteidiger. Ich bin ein Mann und stolz drauf. Über die ewigen Themen Liebe, Kampf, Tod, Eifer-sacht wurde immer geredet, auch von Männern. Heute diskutieren wir aber mehr, was die Geschlechter voneinander wollen. Darum erkläre ich auf der Sex-CD auch, dass wir Männer es gar nicht schlecht finden, wenn Frauen uns ab und an den Finger in den Hintern stecken.

SZ: Huch!

Lück: Ja, auch mir ist beim Vorlesen die Schamesröte ins Gesicht geschossen. In Caveman ist das auch alles drin, aber viel verschlüsselter, braver. Allerdings sicher weniger brav als im Originaltext. Esther Schweins hat die amerikanische Fassung komplett umgeschrieben. Keinen Sex vor der Ehe zu haben, wie es im Original steht, mag in Amerika ein Thema sein, in Deutschland nicht.

SZ: Wie ist der deutsche Caveman?

Lück: Esther hat ihn zu einer urdeutschen Figur gemacht. Sie hat die Stand-up-Comedy in ein richtiges Theaterstück gewandelt. Der Mann auf der Bühne ist Mitte vierzig, wie ich. Er beschreibt das, was auch ich mitgemacht habe. Die 68er mit Diskurs und WGs, die 80er mit AKWs und „Formel Eins“. Und dazwischen der ewige Tanz der Geschlechter um das Thema Sex: direkt zur Sache oder doch lieber drei Stunden quatschen? Dabei wollen wir Männer seit drei Millionen Jahren nur das eine: direkt zur Sache gehen.

SZ: „Frauen werden nicht durch Logik behindert“ klingt nicht nach richtigem Theater, sondern nach Zotenstadl.

Lück: Ich habe nicht behauptet, dass Caveman intellektuell ist. Solche Sätze bilden Inseln im Stück, die diskutiert werden. Caveman ist leichte Kost, eher Comedy. Was soll daran schlecht sein? Ab nächster Woche werde ich auch wieder an einer Comedy-Soloshow arbeiten. In zwanzig Jahren möchte ich vielleicht mal richtige Literatur spielen. Thomas Bernhard etwa.

SZ: Zurück zur leichten Kost: Caveman ist das erfolgreichste Solostück am Broadway. Kriegen Sie da Fracksausen?

Lück: Also, mir passt das eigentlich nicht, dass in jeder Ankündigung von Caveman die zwei Millionen Zuschauer präsentiert werden. Ehrlich gesagt: Ich würde nicht in ein erfolgreiches Broadway-Programm gehen. Das klingt immer nach „CATS“, da wird womöglich noch getanzt, würde ich mir denken und wegbleiben.

SZ: Kristian Bader spielt seit Jahren vor meist ausverkauften Häusern den Caveman. Macht Ihnen das nicht Angst?

Lück: Nein. Jeder Caveman ist anders. Ich habe keinen der bisher acht Cavemen in Deutschland gesehen. Sonst wäre ich viel zu befangen. Wenn ich mir etwas angucke, habe ich ein Bild vor Augen, das nicht mein eigenes ist. Gerade bei einem Solostück kann das schnell passieren. Ich habe versucht, einen eigenen Caveman zu entwickeln mit mehr Tempo.

SZ: Was ist anders als beim Fernsehen?

Lück: Respekt habe ich vor den zwei Stunden Monolog. Bei der „Wochenshow“ betrug der Liveanteil nur 20 Minuten. Aber ich stehe ja nicht zum ersten Mal auf der Bühne habe mit 20 das Frapp-Theater in Bielefeld mit 99 Plätzen eröffnet. Damals, als ich dort noch mit zehn Leuten und drei Hunden in einer Lebensarbeitsgemeinschaft gewohnt habe. Aber es ist mein erstes Solostück. Zudem habe ich im Theater eine größere Verantwortung. Bei der Wochenshow haben die Leute reingezappt, beim Theater reisen sie frisch frisiert an, vielleicht sind sie für mich durch den Regen gefahren.

SZ: Ihre“ Wochenshow“ hat seinerzeit der schwächelnden „Samstag Nacht“ den finalen Todesstoß verpasst. Heute sagt Ihnen Esther Schweins, wo es lang geht.

Lück: Wir kannten uns vor Caveman ja gar nicht richtig. Als wir mit den Proben anfingen, war da natürlich erst so eine Skepsis. Jetzt nicht mehr, klar.

SZ: Spielt es eine Rolle, dass eine Frau die Regie übernommen hat?

Lück: Ich glaube schon. Die Proben in Berlin dauerten ein wenig länger, weil wir – angefeuert von den Themen im Stück – immer weiter diskutierten. Ich glaube, Esther würde am liebsten selbst den Caveman spielen. Esther Schweins ist ja nicht nur Regisseurin, sondern auch Schauspielerin. Sie hat mir Sachen vorgemacht. Etwa, wie sie glaubt, wie Männer sich bewegen. Schwerfällig und unelegant. Pah! Das habe ich natürlich nicht gemacht. Es reicht schon, dass ich den Geknechten spielen muss, der von einer Frau vor die Tür gesetzt wurde.

SZ: Welche Frau hat Sie denn schon einmal vor die Tür gesetzt?

Lück: Keine, bislang jedenfalls noch nicht. Ich bin immer der, der gegangen ist und nach drei Runden um den Block wieder an der Tür gekratzt hat.

SZ: Klingt nicht sehr männlich…

Lück: Für den Caveman vielleicht nicht, für mich persönlich schon. Ich bin sowieso im falschen Körper gefangen. Eigentlich bin ich doch eher eine Frau.

 

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