Welt am Sonntag, 30.03.2003

Mit dem Stück Traumfrau Mutter gibt Ingolf Lück sein Regie-Debüt. Vorab spricht er über die richtige Windel, späte Väter und die Rollenverteilung zu Hause.

WELT am SONNTAG: Herr Lück, eine Gewissensfrage an Sie als Vater: Pampers oder wieder verwertbare Windeln?

Ingolf Lück: Wir haben Lily Chi in der ersten Zeit gewickelt und sind aber ganz schnell zu Pampers übergegangen, weil es in Köln keinen Windelwasch-Service gibt. Glücklicherweise war meine Tochter schon sehr früh sauber, das entlastet einen – auch finanziell, diese Windeln sind ja unheimlich teuer.

WELT am SONNTAG: Mit Ihrem Debüt als Theater-Regisseur werden Sie das Loch, das die Windeln in Ihre Kasse gerissen haben, nicht stopfen…

Ingolf Lück: Theater muss man wirklich machen wollen. Reich werden kann man woanders. Aber ich freue mich auf die Arbeit und bin auch sehr gern in Berlin. Seit meinem Studium habe ich hier eine Wohnung im zweiten Hinterhof, Parterre, in Kreuzberg. Freunde von mir nennen sie nur „Das Loch“. Um elf kommt ein Flecken Sonnenlicht, der durch die Wohnung wandert und nach einer halben Stunde verschwunden ist. Aber das war damals egal, weil ich nur nachts lebte.

WELT am SONNTAG: Spätestens mit einem Kind ist das vorbei. Haben Sie deshalb gewartet, bis Sie über 40 waren?

Ingolf Lück: Ich bin ein später Vater; das liegt aber daran, dass ich viele Jahre in einer Beziehung mit einer Frau gelebt habe, die bereits ein Kind hatte. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man der leibliche Vater ist oder nicht. Wenn es nicht das eigene Kind ist, kann man vielleicht sogar ein besserer Vater sein, weil man eine gewisse Coolheit hat, die oftmals ganz zuträglich ist. Die hat man als leiblicher Vater nicht, da hängt man mit jeder Faser an dem kleinen Menschen, das ist auch mit sehr vielen Ängsten verbunden.

WELT am SONNTAG: Wie ist denn die Rollenaufteilung bei Ihnen zu Hause?

Ingolf Lück: Schon zu „Wochenshow“-Zeiten war ich ein ganz traditioneller Vater. Ich bin morgens weggegangen und abends wiedergekommen. Und an den Wochenenden habe ich versucht, alles Versäumte nachzuholen. Denn natürlich macht die Frau immer die Hauptarbeit zu Hause. Aber einer muss ja auch die Kohle verdienen… (lacht), und das konnte ich besser.

WELT am SONNTAG: Als Gesicht der „Wochenshow“ wurden Sie zum Star. Aber einige Jahre zuvor wäre es keinem Zuschauer aufgefallen, wenn Sie weg gewesen wären vom Bildschirm. Wären Sie damals in den Erziehungsurlaub gegangen?

Ingolf Lück: Nein. Das kann ich nicht. Ich koche bei uns zu Hause, aber ich bin nicht derjenige, der sich damit abfinden könnte, nur zu Hause zu sein. Mein liebster Platz ist auf der Bühne, wenn ich nicht dort sein kann, bin ich oft unerträglich.

WELT am SONNTAG: In den vergangenen Jahren waren Sie aber vor allem im Fernsehen zu sehen. Unter der Regie von Esther Schweins, die ja eines der Aushängeschilder der „Wochenshow“-Konkurrenz „Samstag Nacht“ war, spielen Sie in Köln den „Caveman“. Wie war die Rückkehr auf die Bühne?

Ingolf Lück: Ich kannte Esther nur vom Guten-Tag-Sagen. Zuerst waren wir beide skeptisch, und ich dachte: Was kann sie mir beibringen? Aber ich habe schnell gemerkt, dass sie eine Frau des Theaters ist. Und die Theatermittel, die bei mir brachlagen, weil ich sechs Jahre nicht auf der Bühne stand, hat sie wieder hervorgeholt. Die Gesten sind auf der Bühne eben etwas größer.

WELT am SONNTAG: Mit ebensolchen Gesten erzählen ihre Schauspielerinnen in „Traumfrau Mutter“ von den nicht nur schönen Seiten des Elternseins…

Ingolf Lück: Deswegen gefällt mir das Stück so gut. Da ist Platz für anrührende Geschichten, ebenso wie für Komik. Sechs Mütter erzählen aus ihrer ganz persönlichen Sicht über ihr Leben: Da bekommt die eine ein Frühchen, das behindert sein wird; die andere ist allein Erziehende, die dritte Lehrerin, die über Windelsuppe und Voreinweicheimer erzählt. An einer Stelle heißt es Wenn du dein Kind zum ersten Mal siehst, weißt du: Es ist der Mensch, für den du sterben würdest“, an anderer Stelle: „Du weißt, dass die postnatalen Wonnen vorbei sind, wenn du dein Kind anguckst und zum ersten Mal denkst: Arschloch.“

WELT am SONNTAG: Wann hatten Sie diesen Gedanken zuletzt?

Ingolf Lück: Als das Essen zum dritten Mal auf dem Boden landete. Ich dachte „Du willst, dass ich dir eine ticke, aber das tue ich nicht.“ Das ist die so genannte Trotzphase, die angeblich nur ein halbes Jahr dauert. Ich habe das Gefühl, sie dauert ewig.

WELT am SONNTAG: Klingt abschreckend.

Ingolf Lück: Aber die Zuschauer, die Kinder haben, werden sich wieder erkennen in dem Stück. Leute, die niemals Kinder haben wollen, werden mit dem Stück so viel Vergnügen haben wie ein Kumpel und ich, als wir die Vagina-Monologe angesehen haben…

WELT am SONNTAG: Die Schauspielerinnen sind alle Mütter im wirklichen Leben. Ist das gut für die Arbeit?

Ingolf Lück: Das macht die Arbeit schön, aber nicht leichter. Diese Frauen haben zu Hause ihre Familie und müssen sich die Zeit rausschneiden. Es gab Krankheitsfälle bei den Kindern und – genauso schlimm – bei den Babysittern. Natürlich versuchen wir, pünktlich zu sein, aber es klappt nicht immer. „Er hat mich voll gekotzt, wir mussten erst einmal in die Wanne“ und „Er hat sich vor dem Kindergarten überlegt, dass er doch ein anderes Stofftier mitnehmen will“ sind akzeptierte Entschuldigungen bei uns, wenn jemand eine Stunde zu spät kommt.

WELT am SONNTAG: Krankheiten, kotzen und zu spät kommen – was ist so toll am Mutter- und Vatersein?

Ingolf Lück: Das wirklich Große und Tolle ist, dass da plötzlich ein Mensch ist, der einen Platz im Herzen einnimmt, der nur für diesen Menschen reserviert zu sein scheint. Wenn jemand kein eigenes Kind hat, wird dieser Platz auch von niemand anderem eingenommen und bis ans Lebensende brachliegen. Das ist nicht schlimm, weil man es nicht merkt.

Das Gespräch führte Dirk Krampitz

 

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