Stuttgarter Zeitung | Von Tim Höhn | 06.05.2012 | Foto: factum/Granville |

Der Medienprofi Ingolf Lück wirkt, als wolle er wegrennen. Sein rechtes Bein wippt, stampft fast auf den Boden des Studios. Lück nickt hektisch, als wolle er seinen Gesprächspartner zu mehr Tempo antreiben. Er fummelt am Kabel seines Kopfhörers herum, zwirbelt es um seine Finger, wickelt es wieder ab, und dann von vorn. Der Zollbeamte, den Lück interviewt, kriegt davon nichts mit; er ist per Telefon zugeschaltet und berichtet, wie er mal einen Reisenden mit 3000 Pillen Viagra im Gepäck erwischte. „Der konnte dann aber lange, oder?“, scherzt Lück, und die Pointe mag flach sein, aber sie kommt beeindruckend schnell. Der Produzent und der Redaktionsleiter müssen lachen, obwohl Ruhe im Raum oberstes Gebot ist. Nach dem Interview nimmt Lück den Kopfhörer ab und sagt: „Für mich ist das schlimm, mit dem Kabel an den Tisch gefesselt zu sein.“ Er brauche immer viel Platz, könne kaum stillhalten. „Vermutlich ein nicht diagnostiziertes Aufmerksamkeitsdefizit.“ Lück lacht. Radio, sagt er, mache ihm trotzdem „einen Riesenspaß“.

Seit 27 Jahren hält Ingolf Lück seine große Nase in Fernsehkameras. Ältere Zuschauer kennen ihn als Moderator der Musiksendung „Formel Eins“ oder aus einer Fernsehwerbung, in der Lück möglichst unauffällig Verhütungsmittel kaufen will. Der Satz „Tina, was kosten die Kondome?“, den Kassiererin Hella von Sinnen durch den Supermarkt brüllt, ist ein Stück Fernsehgeschichte. Dem jüngeren Publikum ist Lück seit der „Wochenshow“ ein Begriff, die vor der Jahrtausendwende Traumquoten erzielte. Davor, dazwischen, danach: Theater, Fernsehen und Kino. Schauspieler, Moderator und Synchronsprecher.

Jetzt also Radio. Seit Anfang 2012 moderiert er für den Stuttgarter Sender Antenne 1 die „Ingolf Lück Show“, die von drei weiteren Privatsendern ausgestrahlt wird, weshalb Lück jetzt jeden Samstag von 10 Uhr bis 14 Uhr große Teile von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beschallen darf. Jede Folge ist einem Thema gewidmet, es geht um Haustiere, Fitness, Urlaub, das „Mysterium Frau“. Er wolle eine „werthaltige Sendung“ machen, betont Lück, Information und Unterhaltung verbinden. Im Fernsehen sei für solch ein Format ja kaum noch Platz. Einmal im Monat kommt er von Köln, wo er mit seiner Familie lebt, nach Stuttgart-Möhringen ins Antenne-1-Studio, um Interviews aufzuzeichnen. Akkordarbeit. 25 Gespräche schafft er in zwei Tagen. Lück ist ein Medienprofi, hat aber vorher nie Radio gemacht. Er habe schnell gelernt, sagt sein Redaktionsleiter. Lück sei „rastlos“ und „fast unheimlich effizient“.

Er hat große Erfolge gefeiert und grandiose Flops produziert

Rastlos war der Entertainer immer, Lück hat große Erfolge gefeiert und grandiose Flops produziert. „Ich habe Sachen gemacht, die waren sehr erfolgreich, obwohl ich davon selbst nicht überzeugt war – und andersherum.“ Er wolle sich nicht abhängig vom Erfolg machen. „Vielleicht mache ich deswegen so unglaublich viel. Um mir alle Optionen offen zu halten.“

Gleich soll Lück einen Fernsehkollegen interviewen, Thomas Hermanns, den Gründer des Quatsch-Comedy-Clubs. Lück hat sich den Zettel mit den Fragen hinter das Mikro geklemmt, läuft durch das keine 15 Quadratmeter große Studio und singt. Lässiges rotes Shirt, Jeans, trendige schwarze Hornbrille, er sieht jünger aus als 54. Obwohl Lück fast ständig im Zappelphilipp-Modus ist, scheint er mit sich im Reinen zu sein. Ein freundlicher Mensch, was sich auf seine Stimme überträgt. Das hilft in einem Medium, in dem ein markantes Gesicht nutzlos ist. „Willst du dem Thomas Hermanns vor dem Interview noch hallo sagen?“, fragt der Produzent. „Nee, einfach los“, antwortet Lück und beginnt zu stampfen. Vor Theaterauftritten sei er extrem nervös, Radio sei da insgesamt unaufgeregter, sagt er. Als Hermanns anruft, beginnt Lück sofort mit der Moderation, es folgen ein paar Fragen zu alten und aktuellen Projekten, Gags, Lacher, nach neun Minuten ein kurzes Tschüss. Effizient eben. Das Interview wird später auf 2.30 Minuten gekürzt. Für ein Radioformat ist das viel, Radio lebt von Musik. „Aber einfach nur eine Musiksendung, in der ich Titel ansage – so was hätte ich nicht gemacht“, sagt Lück.

Im Fernsehen hat er es gemacht. Anfang der 80er tourte Lück mit einer Theatercombo durch Deutschland. Viel Konkurrenz gab es nicht, an eine Kleinkunstgruppe aus Schwaben kann er sich erinnern: „Mit diesem Gaedt, diese Tierschau.“ 1985 bekam Lück die Moderation von „Formel Eins“ und machte das, womit später auch Stefan Raab oder Heike Makatsch berühmt werden sollten: er sagte Musikvideos an. Obwohl ihm bis zu elf Millionen Leute zuschauten, kündigte Lück nach knapp einem Jahr. „Ich wollte was Neues machen.“

Dieser Satz könnte irgendwann auf seinem Grabstein stehen. „Ich wollte etwas Neues machen.“ Lück moderierte Shows wie „Lücks Comedy Cocktail“ oder „Pack die Zahnbürste ein“, spielte in „Otto – der Liebesfilm“ einen Modeschöpfer oder in „Bang, Boom, Bang“ einen Pornoregisseur. Er führte Regie und spielte Theater im Endzeitdrama „Totenfloß“ oder in „Die 39 Stufen“ im Theater am Kurfürstendamm. Seine Vita umfasst 93 Stationen, vom Blödsinn bis zur Hochkultur. Angst, die Karriere könne nicht mehr weiter gehen, habe er nicht. „Irgendein Fenster würde sich auf tun.“ In der Branche hat Lück einen guten Ruf. Er halte ihn für einen „unglaublich liebenswerten Zeitgenossen“, sagt etwa Dieter Nuhr, der derzeit wohl angesagteste Comedian Deutschlands. Lück war kürzlich zu Gast in einer Nuhr-Sendung, die im Sommer ausgestrahlt werden soll. Er sei von allen eingeladenen Gästen derjenige gewesen, „der am wenigsten egoman war“, erzählt Nuhr. „Angenehm zurückhaltend. Das hätte ich gar nicht erwartet.“ Schließlich sei der Humor in der Wochenshow „ ja gern etwas gröber“ gewesen.

Das Konzept für die Wochenshow, seinem größten Erfolg, hat Lück mitentwickelt. Mit Kollegen wie Bastian Pastewka oder Anke Engelke parodierte er von 1996 an das Zeitgeschehen und die Fernsehlandschaft – mit Sketchen, die lustig und manchmal hart an der Schmerzgrenze waren. Während andere Stars im Lauf der Zeit ausstiegen, blieb Lück auch dann noch, als die Quoten immer schlechter wurden. „Vielleicht war ich damals so hartnäckig, weil ich bei ‚Formel Eins’ so früh gegangen bin.“ 2002 wurde die „Wochenshow“ abgesetzt, ein Comebackversuch bei Sat. 1 scheiterte im Jahr 2011 nach nur acht Folgen. Lück kann nicht verbergen, dass ihn das getroffen hat. Die freundliche Stimme klingt jetzt angesäuert. „Dem Sender ging es nicht um Qualität.“ Früher habe man experimentieren und eine Sendung weiter entwickeln können. „Heute nicht mehr.“

Nach dem Hermanns-Interview trifft sich Lücks Team zum Brainstorming. Eine der nächsten Sendungen muss vorbereitet werden, es soll um Manieren gehen. Lück erzählt erst einmal Anekdoten aus seinem Alltag. Dass er, wenn er Gäste hat, gern das edle Hutschenreuther-Porzellan auftischt. Dass er dann Messerbänkchen benutzt, auf denen das benutzte Besteck abgelegt wird. Lück springt dabei auf, gestikuliert, lässt sich in den Stuhl fallen. „Ingolfs Knigge-Show, das wäre doch was“, sagt jemand. Vielleicht ein Gespräch mit einem Stilberater? Einem Butler? Oder mit Markus Lanz, der wirke so gut erzogen. „Wir müssen ins Studio, in fünf Minuten ist das nächste Interview“, mahnt der Redaktionsleiter.

Das Engagement beim Sender ist langfristig angelegt

„Wir haben für die Show nach einem Moderator mit Strahlkraft gesucht, der für Entertainment, Musik, Comedy und Lifestyle steht und der bei unseren Hörern bekannt und beliebt ist“, sagt Alexander Heine, Programmchef bei Antenne 1. „Da waren wir sehr schnell bei Ingolf Lück.“ Die Hörerresonanz sei durchweg positiv.

Das Engagement beim Sender ist langfristig angelegt, und es lässt Lück genug Zeit für andere Projekte. Er würde gerne noch mal ans Theater. Den Romeo würde ihm niemand mehr abnehmen, aber vielleicht den Nathan oder den Lear. Träumt er von einem weiteren Mega-Erfolg im TV? „Ich habe mit der ‚Wochenshow’ und ‚Formel Eins’ zwei Riesenerfolge gehabt, das ist viel in diesem Business.“ Er sei dankbar. Zur Ruhe setzt er sich vielleicht nie. „Würde nicht funktionieren.“ Aktuell tourt er mit seinem Kabarettprogramm „Lück im Glück“ durchs Land. Comedy boomt, aber während andere Kollegen riesige Hallen füllen, tritt Lück meist in kleinen Häusern auf. Manchmal vor 700 Leuten, manchmal vor 150. „Wichtig ist, dass es beim zweiten Mal mehr sind – das ist dann Erfolg.“

Seine Frau und die zwei Kinder hätten sich daran gewöhnt, dass er viel unterwegs sei, sagt Lück. „Wenn ich nach Hause komme, muss ich mich in der Hierarchie erst einmal hinter dem Meerschweinchen anstellen und wieder nach oben arbeiten. Und wenn ich das geschafft habe, geht es wieder auf Tour.“ Warum er sich das antut? Er wolle nicht psychologisieren. „Vielleicht brauche ich die Anerkennung.“ Und er wolle nun einmal nicht auf der Couch rumsitzen. „Ich machen dann lieber etwas Neues.“

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