TV Spielfilm: TV-Talk – Mai 2000

Kann man über Politik überhaupt noch Witze machen? Darf heute jeder Klassenclown ins Fernsehen? Unsere Comedy Experten Ingolf Lück und Dieter Hallervorden trafen sich zum Spitzengespräch über Fernsehhumor.

TV SPIELFILM: Ingo Appelt schreit „ficken“, Dieter Hildebrandt drechselt kunstvoll Polit-Hintersinn, und Anke Engelke bringt alle zum Lachen, Kids genauso wie pensionsberechtigte 68er. TV-Humor hatte nie ein größeres Spektrum und nie zuvor so viel Platz im Programm. Dem Spaß geht’s also blendend? Ingolf Lück und Dieter Hallervorden haben so ihre Zweifel… Wir erleben einen Comedy-Boom im Fernsehen, der mit der Adaption amerikanischer Vorbilder begann, vor allem Saturday Night Live: Warum eigentlich? Gab es keine deutsche Comedy-Tradition, aus der man hätte schöpfen können?

INGOLF LÜCK: Comedy wurde in Deutschland immer gemacht, nur hatte sie nicht den Stellenwert – und im Fernsehen auch gar nicht die Möglichkeit -, sich zu entwickeln. Da gab es die Urväter: Hallervorden, Krebs, Berben, Otto, Carrell, Hildebrandt. Die Generation danach, Kerkeling, Bach, Lück – wir haben Theater gemacht. Wir kamen ja gar nicht ins Fernsehen hinein, weil wir unter vierzig waren, weil die Großen ihre Sendungen hatten und weil wir auch nicht in der Lage waren, mit diesen schrecklichen öffentlich-rechtlichen Redakteuren zu reden, die zum Lachen in den Keller gingen.

DIETER HALLERVORDEN: Ich kann absolut nachvollziehen, was Lück sagt. Die Redakteure damals waren echte Sesselpuper, wollten aber bestimmen, was komisch ist.

LÜCK: Aber es gibt schon eine direkte Linie im Stammbaum. Die heutige Comedy ist keine amerikanische Kultur. Wenn wir Hallervordens Figur „Didi“ nehmen, dann war das schon „physical comedy“ wie man heute sagt. Von daher führt eine direkte Linie von Hallervorden zu Marco Rima, zu Profitlich oder Mirco Nontschev.

HALLERVORDEN: Dazu muss man aber auch sehen, wie sich der Umgang mit Unterhaltung bei der Kritik geändert hat. Mir wurde damals sehr verübelt, dass die Leute einfach nur lachten. Ich konnte weitermachen, weil die Einschaltquoten über 50 Prozent lagen – aber die Kritiken waren vernichtend.

TV SPIELFILM: Weil Lacher im öffentlich-rechtlichen Fernsehen beim politischen Kabarett stattzufinden hatten?

HALLERVORDEN: Ja, es musste ethischer Gehalt dahinter stecken, und es galt als verschroben, zu sagen: Die Leute haben ein Recht, einfach mal abzulachen. Ist TV-Comedy heute beim anderen Extrem angekommen? Sind nicht jegliche Ansprüche und Tabus verschwunden, wenn ein Ingo Appelt das Publikum vorrangig mit der penetranten Wiederholung des Verbs „ficken“ zum Brüllen bringt?

HALLERVORDEN: Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen, und ehrlich gesagt, begrüße ich es auch nicht besonders. Da bin ich wahrscheinlich dinosaurierhaft. Was meine Arbeit betrifft, habe ich mich ja von „Didi“ gelöst und mache seit acht Jahren wieder politisch-satirisches Kabarett. Aber eben nicht für meine Verwandtschaft, nicht für Leute, die der gleichen Meinung sind. Und ohne moralischen Zeigefinger und Besserwisserei, sondern mit dem Ziel, mein Publikum zu unterhalten.

LÜCK: Ist das politische Kabarett nicht tot, oder sind wir nicht zumindest am Vorabend seines Begräbnisses?

HALLERVORDEN: Wieso soll politisches Kabarett, das ich seit ’92 erfolgreich praktiziere, tot sein?

LÜCK: Alles, was ihr den Politikern je vorgeworfen habt, geben die jetzt zu. Das ist plötzlich Realität! Wie Lore Lorentz mal gesagt hat: „Das, was jetzt passiert, ist nicht mehr kabarettabel.“

HALLERVORDEN: Stimmt insofern, als Politik tatsächlich komischer ist, als es Kabarett je sein kann. Aber: Was im Moment passiert, gleicht einem Kriminalfilm. Und in dieser Situation die Politiker dadurch zu typisieren, wie sie sich herauswinden – das ist wieder hochinteressant.

LÜCK: Aber man muss Politiker gern mögen und als Gattung irgendwie respektieren, wenn man Kabarett macht. Das kann man nicht mehr, das ist vorbei. Und selbst wenn es politisches Kabarett noch gibt, dann hat es keine Breitenwirkung mehr, weil die jungen Leute kein Vertrauen in Politiker haben, sich deshalb nicht für sie interessieren und darum diese Sendungen auch nicht gucken.

HALLERVORDEN: Das ist effektiv falsch. Wir haben mit „Spott-Light“ im Schnitt 4,5 bis 5 Millionen Zuschauer, sonst würde der Sender ja nicht in die sechste Staffel gehen. Und ich finde auch nicht, dass man die Politiker lieben muss, um politisch-satirisches Kabarett machen zu können.

LÜCK: Aber im Gegensatz zu früher erreicht das Kabarett das junge Publikum nicht mehr, weil – wie schon gesagt – junge Leute kein Vertrauen in die Politiker haben.

HALLERVORDEN: Aber gerade deswegen amüsieren sie sich darüber. Sie sehen doch Nachrichten, sie sind im Grunde informiert. Und sie haben Spaß daran, wenn diese Leute, denen sie nicht trauen, durch den Kakao gezogen werden.

TV SPIELFILM: Inwieweit verändert das zielgruppenorientierte Denken der Sender den Humor im Fernsehen?

LÜCK: Das politische Kabarett wird es weiter bei den öffentlich-rechtlichen Sendern geben, weil die – was auch richtig ist – Programm für alle machen. Das junge Publikum, das für uns interessant ist, braucht anscheinend eine andere Form der Unterhaltung. Das geht einher mit der Veränderung in der Welt. Wir leben in dieser schnellen Kultur, nicht mehr im Zeitalter der Stoffbearbeitung, sondern der Informationsbearbeitung. Informationstechnologie, Internet – das sind die Themen. Und die Reflexion dieser Technologien und des Fernsehens selbst. E-Commerce wird immer größer, also machen die jungen Leute einen Sketch darüber, wie sie zu Hause am Bildschirm versuchen, einzukaufen. Wer keinen Supermarkt mehr kennt, kann keinen Supermarkt-Sketch machen. Es gibt ein spezielles Comedy-Interesse bei jungen Leuten, das mit dieser Zeit zu tun hat. Stefan Raab oder auch Kalkofe sind die Spaß-Guerilleros, die angefangen haben, mit dem Medium zu spielen.

TV SPIELFILM: Hat der Comedy-Boom nicht dazu geführt, dass jeder halbwegs begabte Klassenclown beim Fernsehen reich werden kann?

LÜCK: Ja, wenn der Klassenclown gut ist…

HALLERVORDEN: Na ja, manchmal fällt einem schon der Spruch ein, den man von noch ein bisschen älteren Kollegen kannte: „Das hätte man früher nicht mal zur Frontbetreuung eingesetzt.“ Man sitzt da und wundert sich und sagt: „Herrgott noch mal – ohne Entgelt nach sieben Bier am Stammtisch ist das in Ordnung. Aber im Fernsehen?“

LÜCK: (lacht) Also, jetzt nichts gegen Rudi Carrell…

HALLERVORDEN: Ich habe keinen Namen genannt!

LÜCK: Wie gesagt, wenn der Klassenclown gut ist und ein bestimmtes Segment bedient, okay. Nur: Heute ist es wesentlich einfacher, ins Fernsehen zu kommen, als zu unserer Zeit. Also ist es auch Sache des Fernsehens, echte Nachwuchsarbeit zu leisten.

Kuno Nensel

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