DERWESTEN vom 13.11.2011 | Von Nicole Krzemien |
Velbert. Die bekannten Namen Alfred Hitchcock und Ingolf Lück haben nicht gereicht, um das Theater im Forum richtig zu füllen, versprechen aber Qualität. Die Zuschauer von „Die 39 Stufen“ wurden nicht enttäuscht. Dramaturgisch landete das Publikum in einer Spionage-„Framestory“ mit vier Toten – und vier Schauspielern. Die wiederum schlüpfen in viele, sehr viele Rollen, bis auf Ingolf Lück. Er spielt den Protagonisten Richard Hannay, der unschuldig in einen Mord verwickelt wird, flüchtet, um später zu entdecken, dass er sein Land retten kann.
Abenteuerliche Reise

Wir schreiben das Jahr 1935, London im August. Der lebensmüde und gelangweilte Kanadier Hannay geht ins Theater, ist von der Merkfähigkeit des Mr. Memory begeistert, hört einen Schuss und landet mit Annabell, einer Spionin, in seinem Apartment. Am nächsten Morgen ist sie tot, aber nicht ohne ihn in Großbritanniens Norden an einen vermeintlich helfenden Professor mit verstümmeltem Finger zu verweisen. Eine abenteuerliche Reise führt Hannay zum ihm. Der Mann entpuppt sich als ein Nazi-Typ, dessen Idee die Geheimorganisation „39 Stufen“ war.

Ingolf Lück spielt Richard Hannay souverän – keine Frage. Aber die anderen drei Schauspieler, Nicola Ransom, Alexis Kara und Oliver Dupont, haben schauspielerische Höchstleistung gebracht. Während Ransom in drei Rollen schlüpfte, mussten Kara und Dupont jeweils mindestens zwanzig darstellen, bisweilen in atemberaubenden Tempi. Die Requisiteure boten wenige Gegenstände, die alles Notwendige gaben. Spartanisch, multifunktional und perfekt. Und eine hinreißende Regie.
Doppeldeutigkeiten

Immer wieder spielt der Wind eine große Rolle. Statt einer Maschine bedienen sich die Schauspieler ihrer Hände, um ihre Kleidung im Wind wehen zu lassen. Die (Bild-)Sprache der Vier ist gespickt von Doppeldeutigkeiten, die bisweilen zauberhaft anzüglich werden. Ob es der Knoten im Nachthemd in entsprechender Höhe des Geschlechts ist oder andere sexuell exquisite Anspielungen. Humor und Witz stehen an einigen Stellen höher als die Handlung an sich. Doch das reicht noch nicht, denn die Schauspieler brechen auch aus dem Stück aus, sprechen die Regieanweisungen (das Telefon klingelt nicht) oder für die Requisite („wir hauen ab, dann können die das Bühnenbild schon abbauen“).

Ingolf Lück gebührt Anerkennung, die er sich als Regisseur erarbeitet hat. Hut ab. Die Zuschauer haben ein rasant schnelles Stück Kriminalgeschichte im Forum erlebt. Mit einem Lächeln auf den Lippen, stetem Amüsement und herzhaftem Lachen im Publikum haben die vier Profis einen kurzweiligen Abend beschert. Aber halt. Es waren nicht nur vier Schauspieler. Der Arm eines fünften durch den Vorhang hat kurz vor Schluss den Bösen erschossen.
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