Das Totale Theater

1982 gründete Lück „Das Totale Theater“. Das war ein bisschen wie die damals populäre „Erste Allgemeine Verunsicherung“. „Nur“, so Ingolf, „hatten die ’nen Achttonner mit Hebebühne, und wir hatten nur ’nen kleinen Bulli.“

Man spielt auf Straßen, bei Karstadt und auf richtigen Bühnen. Bis 1987 präsentiert er dort mit Uli Etgeton (Gitarre), Helmut Sprick (Bass, Piano), Lutz Kramer (Drums) und Peter Wolf (Keyboards, Theater) ein Programm aus Szenen, Mitspielaktionen und Songs.

Die Rocktheater-Show integriert die verschiedenen Kleinkunst-Spielarten wie Musiktheater, Clownerie, Zauberei, Feuerillusion und Kabarett. Das Programm ist breit gefächert: altbackene deutsche TV-Moderatoren bekommen genauso ihr satirisches Fett weg, wie die linke Hausbesetzerszene. Lück im Programmheft: „ein Gemisch aus Allem und doch das Einzige“.

Die HÖRZU schreibt damals: „Ingolf rockt wie ein doppelter Elvis, steppt à la Fred Astaire, zieht als ‚Dieter Buschmann‘ die Begrüßungsrituale deutscher Showmaster durch den Kakao, und parodiert Pop-Größen wie Billy Idol. ‚Um neue Formen der Unterhaltung durchzusetzen‘, verkündet er augenzwinkernd, ‚musst du das Publikum erst mal gnadenlos überfordern.'“

Sprungbrett

Januar und Februar 1984 bedeuten einen Meilenstein für Ingolf Lück und seine Bühnenkollegen: „Das Totale Theater“ tritt im Kölner „Sprungbrett“-Theater auf, verlängert sein Gastspiel dort sogar bis Ende Februar, aufgrund der großen Nachfrage. Das „Sprungbrett“ war eine im Oktober 1983 beim WDR von Ingrid Jehn ins Leben gerufene Varieté-Show. Ingrid ging in der Aufgabe auf, die damals sehr lebendige, häufig anarchistische deutsche Kleinkunstszene einem größeren Publikum und den Medienschaffenden vorzustellen. Jeden Monat präsentierte das „Sprungbrett“ in seinem 96-Plätze-Theater ein neues Programm mit einem neuen Moderator, und regelmäßig wurden Ausschnitte der Shows aus dem „Sprungbrett“ im WDR-Vorabendprogramm des Ersten Programms gesendet. „Das Totale Theater“ kommt überwältigend gut an. Besonders Ingolf Lück macht großen Eindruck – ob als Reiseveranstalter für Pauschalreisen in die Hausbesetzerszene („Freaknepper – Einmal demonstrieren und zurück“) oder mit der Gebrauchsanleitung, wie jeder ein „Fool“ à la Jango Edwards wird.

Publikum und Organisatoren sind hin und weg und für Mai ’84 wird Ingolf auch als Moderator der „Sprungbrett“-Show engagiert. Obwohl er mit 26 und all seinen bisherigen Erfahrungen kein Newcomer im eigentlichen Sinne mehr ist, nimmt Ingolf an – um abermals abzuräumen. Damit nicht genug. Seine Moderation landet auf einem Band des WDR, und das fällt einem Redakteur in die Hände, der händeringend einen neuen Moderator für „Formel Eins“, die beliebteste Musiksendung Deutschlands, sucht – die Ingolf am 7. Januar 1985 von Peter Illmann übernimmt.

Trotz der plötzlichen Popularität durch seine TV-Tätigkeit bleibt Ingolf seinen Wurzeln verpflichtet: Gleich nach Vertragsabschluss kauft er am Flughafen Hannover ein Dauer-Flugticket: Dienstags hin nach München zu den Bavaria Filmstudios, freitags nach Drehschluss zurück zu WG und Freundeskreis nach Bielefeld, von wo aus er neben seiner TV-Tätigkeit noch bis 1987 mit dem „Totalen Theater“ tourt. Während er als Clip-Moderator gefeiert wird, spielt er außerdem unter dem Pseudonym „Half Blind Django“ Gitarre in der Swing-Combo „Kurpark-Kollektief“, tourt mit der „Zickzack Theaterbande“ und spielt an den Städtischen Bühnen Bielefeld in „Revolte im Erziehungshaus“.

Düsseldorfer Schauspielhaus

Im Herbst 1986 spielt Ingolf am Düsseldorfer Schauspielhaus die Hauptrolle in Harald Müllers „Totenfloß“ unter der Regie des befreundeten Michael Braun. Das Publikum der Uraufführung am 16.10.1986 im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels reagiert zunächst gespalten auf die Besetzung der zentralen Rolle in dem düsteren Endzeitdrama „Totenfloß“ mit Ingolf Lück, lässt sich aber schnell beeindrucken. Was treibt Ingolf dazu, neben seiner eher „leichten“ Fernseharbeit auch „ernstes“ Theater zu spielen? Für Ingolf stellt sich diese Frage nicht, dem Bielefelder Stadtblatt sagt er dazu 1988: “ Mir geht es nicht darum, wie Dinge gebracht werden, sondern um das Thema. Bei den Projekten, die ich mache, muss ich immer das Gefühl haben, dass es was Neues ist. Diesen Anspruch habe ich an meinen Beruf. Deshalb habe ich diesen Beruf, damit ich mich nicht immer selbst reproduzieren muss, sondern immer was anderes machen kann.“

Schauspielhaus Bonn

Eine willkommene Abwechslung zu Arbeiten wie der Kinokomödie „Peng! Du bist tot“ (1986) ist auch die Dramatisierung des Kultfilms „Clockwork Orange“ (Schauspielhaus Bonn, 1988). Ingolf dazu: „Das ist die Erfüllung von Träumen. Als das Schauspielhaus Bonn sagte: Wir haben noch ’ne Million übrig, dramatisierte ich in meiner WG eben ‚Clockwork Orange‘ mit den Toten Hosen, die damals auch gerade nichts zu tun hatten. Seither bin ich mit Campino befreundet.“

Gorbatschow muss sterben

1988 macht Ingolf einen Abstecher ins Kabarett. Er geht mit dem Berliner Kleinkünstler Hans-Werner Olm und dem gemeinsamen Programm „Gorbatschow muss sterben“ auf Tour. Die beiden sehen in diesem Projekt, so Ingolf, den Versuch „in eine relativ verkrustete Geschichte wie das deutsche Kabarett einzusteigen, um sie positiv zu befruchten, zu beleben. Es ist eine Mischung aus Kabarett und Theater.“ Die Mischung feiert Erfolge: Am 28. April 1988 sind die beiden mit Ausschnitten aus ihrem Programm in der ARD-Sendung „Extratour“ zu Gast, 1989 hat Ingolf in den „Mitternachtsspitzen“, dem Kabarett-Flaggschiff des WDR Fernsehens, einen Auftritt.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Nach einer ehrgeizigen Musicalinszenierung des „Kasmasutra“ (Königsburg Krefeld, 1989) nimmt Ingolf 1992 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg die Hauptrolle des Stücks „Talk Radio“ an. Regie führt wieder Michael Braun. Ingolf spielt einen Radiomoderator, der das Seelenleben der Zuhörer seiner Call-In-Show benutzt, um seine Quote zu steigern. Ingolf überzeichnete damit über seine Rolle prophetisch eine Praktik, die sich das deutsche Privatfernsehen nur wenige Jahre später mit Nachmittagstalkshows und Gerichts-Soaps völlig zu eigen machen sollte.

Der kleine Horrorladen

Erst 1995 sollten die zahlreichen Fernsehverpflichtungen Ingolf wieder Zeit für ein großes Bühnenprojekt lassen: Das Kaiserhof-Theater des bekannten Underground-Theatermanns Walter „Wally“ Bockmeier gibt „Der kleine Horrorladen“ in Kölscher Mundart – und Ingolf spielt den sadistischen Zahnarzt Orin. Keine zwiespältige Sache, lässt er sich doch in diesem Jahr selbst, wie er dem „Echo der Frau“ verrät „das Gebiss sanieren“. Detail am Rande: Das „Kaiserhof“-Theater liegt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Kölner „Capitol“-Theaters… Ein Jahr später sollte Ingolf dort einen TV-Erfolg sondergleichen feiern – im Capitol wurde ab 1998 „Die Wochenshow“ produziert…

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